Grundlagen der Argumentation

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Folgende Hinweise finden sich in Jay F. Rosenbergs Einführung "Philosophieren: Ein Handbuch für Anfänger" (Klostermann, 2009).

Dort erläutert er die Praxis des Philosophierens als eine Wissenschaft zweiter Ordnung, die sich mit den rationalen Verfahrensweisen und Begründungsstrukturen von Wissenschaften erster Ornung auseinandersetzt (Z.B. der Natur- und Sozialwisenschaften, der Künste, aber auch der unserer Alltagspraxis. Kurz: Im Fokus der Philosophie steht "das rationale Erforschen rationaler Tätigkeiten" (S. 18). Den "sekundären Charakter" der Philosophie führt er auf ihre spezifische Methode zurück, die er als dialektisches Argumentieren bezeichnet - wobei er einig darauf hinweist, dass jenseits dieser sehr allgemeinen Auskunft kaum Einigkeit über die Methode der Philosophie herrscht.

Mit der dialektischen Methode wird jenseits des philosphischen Staunens mit Argumenten auf Argumente eingegangen (S. 78). Die dabei vorgebrachte Kritik kann sowohl auf die formale Struktur bestehender Argumentationen als auch auf deren Inhalt beziehen. Formale Kritik bezieht sich nur auf die Gültigkeit der Argumente, indem erhellende Modelle ihrer Struktur entworfen werden. Inhaltliche oder interne Kritik adressiert dagegen einzelne Prämissen und letztlich die Kohärenz des ganzen Systems von Begriffen und Überzeugungen, in die das Argument eingebettet ist.

Ein philosophischer Essay folgt im Grunde immer dieser Methode, insofern er auf eine kritische Prüfung fremder Ansichten zielt. Ein Essay ist eben weder literarisches Selbstbekenntnis noch ein bloßer Bericht, sondern die begründete Verteidigung einer These, die sich wiederum auf die Thesen, Ansichten oder Positionen anderer bezieht. Dazu muss der Essay aber klar trennen zwischen der Darstellung von Form und Inhalt der fremden Argumentation und der eigenen, begründeten Kritik. "Einsichtsfähigkeit und Einfallsreichtum" (S. 84) wachsen laut Rosenberg erst mit der fortwährenden Rekonstruktion und Auseinandersetzung mit argumentativ begründeten Thesen und können nicht gelehrt werden.

Für die effiziente Suche nach Inkonsistenzen, bzw. Selbst-Widersprüchen in fremden Argumentationen, empfiehlt Rosenberg in etwa folgende Strategie:

  • Klare Rekonstruktion der argumentative Struktur
  • Formale Prüfung dieser Struktur
  • Prüfung mit Blick auf die begrifflichen Festlegunge und möglichen Spannungen
  • Explikation möglicher impliziter Widersprüche
  • Modellierung eines gegenläufigen Argumentes (gleiche Prämissen , andere Konklusion)
  • Problematisierung und Modellierung einzelner (impliziter) Prämissen

Folgende Prinzien liegen dem vernünftige Denken zu Grunde, sollte deshalb nicht verletzt werden und könen für eine grundlegende Kritik an philosophischen Argumentationen genutzt werden:


  1. Petitio Principii
    1. Version

Eine Petitio Principii liegt dann vor, wenn eine Konklusion gleichzeitig als Prämisse gebraucht wird. Dies ist zwar methodisch möglich, da logisch eine der Prämissen mit der Konklusion übereinstimmen muss, aber trotzdem erscheint es falsch. Es liegt also kein rein formales, sondern ein inhaltliches Problem vor. Wichtig für das Problem ist nur die eine zentrale Prämisse, die gleichzeitig die Konklusion ist. Sie ist Gegenstand der Kritik. Wie lässt sich eine petitio pricipii fassen? Sie bezeichnet einen Fehler in der Argumentation: Der Vertreter der Prämisse (und damit der Konklusion) verstößt gegen die Regel des vernünftigen Argumentierens, die er gleichzeitig zur Grundlage seiner Argumentation gemacht hat: Er verhindert, dass die Prämisse unabhängig von der Konklusion kritisiert werden kann, da beide logisch äquivalent sind.

Probleme beim erkennen der Petitio Principii: In der zentralen Prämisse ist meist die Konklusion implizit, nicht offensichtlich enthalten. Das herausarbeiten kann sich dadurch schwieriger gestalten.

Vorzeigbarkeit im philosophischen Diskurs: Der Kritiker muss nachweisen, dass der Philosoph im betreffenden Zusammenhang ein Prämisse konstitutiv für eine Konklusion verwendet, obwohl sie formal äquivalent sind.

Beispiel der Kritik einer Petitio Principii: Annahmen über Zukunft

Russel unterstellt dem Versuch, aus vergangenen Ereignissen auf die Zukunft zu schließen eine Petitio Principii, selbst wenn die Umstände es vernünftig erscheinen lassen. Es gibt nach ihm keinen formalen Grund dafür, anzunehmen, dass wir am nächsten morgen als der Gleiche wieder aufwachen, nur weil dies stets passiert. Das liegt daran, dass die Annahme, morgen als derselbe aufzuwachen und der Schluss, es sei vernünftig, dies anzunehmen, den gleichen Inhalt haben. Nur weil sich unsere Erwartungen über die Zukunft bewahrheitet haben und vernünftig scheinen, gibt es keinen formalen Grund anzunehmen, dass sie deshalb in Zukunft genauso eintreten werden.

  1. Version

Die Methode der petitio principii verletzt die Regeln des vernünftigen Denkens. Petitio principii bedeutet, dass in einem Argument eine Konklusion als Prämisse gebraucht wird.

Jedes Argument muss in einem dialektischen Zusammenhang stehen. Die philosophische Methode setzt voraus, dass etwas nur dann die Qualität eines Arguments hat und eine Konklusion stützen kann, wenn ein Einwand gegen dieses Argument sich von einem Einwand gegen das, was gestützt werden soll, unterscheidet.

Beispiel: In einer Form der klassischen Induktion wird die These formuliert: Was unsere Erwartungen in Bezug auf die Zukunft vernünftig macht, ist die Tatsache, dass sie zutreffen. Fraglich ist, ob es überhaupt Erwartungen hinsichtlich der Zukunft gibt, die vernünftig sind. Jede Erwartung, die sich erfüllt, ist vernünftig und da sich unsere bisherigen Erwartungen erfüllt haben, ist es vernünftig anzunehmen, dass sich auch die zukünftigen Erwartungen erfüllen werden. Diese Annahme ist aber auch wieder eine Erwartung an die Zukunft und diese Erwartung muss dann, damit man zu der Konklusion kommt, vernünftig sein. Ein Argument, das diese Prämisse benutzt, um zu schlussfolgern, dass Erwartungen vernünftig sind, benutzt die Schlussfolgerung als Prämisse und begeht damit eine petitio principii.


  1. Infiniter Regress

Ein infiniter Regress liegt vor, wenn ein unabschließbarer rationaler Prozess des Schlussfolgerns, Begründens, Ableitens, etc. auftritt. Ein einfaches Beispiel hierfür wäre, wenn Tom groß ist (und das stimmt), dass (1) es ist wahr, dass Tom groß ist (2) es ist wahr, dass (1) (3) es ist wahr, dass (2) Dies könnte man nun unendlich fortführen ohne jemals zu einem Ende zu kommen, es ist also ein infiniter Regress.

Ein solcher Regress kann benutzt werden, um eine philosophische These zu widerlegen. Dazu bedarf es einiger Bedingungen: (1) Es muss ein Regress vorliegen, d. h. vor jedem zweiten Schritt muss folglich ein erster liegen. (2) Der Regress muss eine echte Konsequenz der vorliegenden kritisierten philosophischen These sein. (3) An dem aufgedeckten infiniten Regress muss etwas verkehrt sein. Rosenberg verdeutlicht diese Kriterien anhand des Beispiels des freien Willens.

In diesem Beispiel setzt der infinite Regress dadurch ein, dass jeder freie Willensakt notwendig durch einen weiteren freien Willensakt verursacht wird. Freiwilliges Handeln setzt also eine unendliche Reihe von freien Willensakten voraus, wobei jeder durch einen vorangegangenen freien Willensakt verursacht wird. Die Frage, was eine Handlung zu einer freiwilligen Handlung macht, kann folglich nicht beantwortet werden, denn um einen freiwilligen Willensakt zu erklären, wird der Begriff des freiwilligen Willensaktes bereits vorausgesetzt. Es ergibt sich eine Endlosschleife ohne die Frage zu beantworten. Dies bezeichnet man als einen fatalen infiniten Regress. Ist ein solcher nachweisbar, so kann man eine Theorie widerlegen.